2 Gedanken zu „Sankt Urban“

  1. Liberal-theologische Anmerkungen zu Dan Browns’ „Sakrileg“
    Rud. Th. M. Van Kerckhove.

    Dan Browns’ Buch „Sakrileg“ oder „The Da Vinci Code“ hat grosse Wellen geworfen. Vertreter von Kirchen sind herausgefordert Stellung zu nehmen. Zeitungen, Fernseh-stationen, Radiosendungen und Internet-Diskussionen sind dem Buch, und seit einigen Wochen dem Film gewidmet.
    Ich habe weder das Buch gelesen, noch den Film geschaut. Eine Reihe von Zeitungsartikeln habe ich aber gelesen, die Diskussionsrunde im „Ziischtigs-Club“ geschaut und weitere Artikel in Fachzeitschriften gelesen oder zur Kenntnis genommen.
    Die liberale Theologie, des öfteren in den kirchlichen Kreisen unserer Kantonalkirchen verkennt oder verleugnet, wenn nicht als „rückständig“ verlacht, hat sich der Frage nach dem „historischen Jesus“ nie verschlossen. Es leuchtet ein, dass Menschen fragen nach diesem Menschen, von dem die Mehrheit der Christen bewusst oder unbewusst laut bekennt, dass er „aus Gott“ und „gottähnlich“, „Sohn Gottes“ sei. Dabei wird diese „Sohnschaft“ als exklusiv betrachtet. Jedes menschli-che wird ihm entsagt. Einige Kirchen gehen dabei sogar soweit, dass sogar seine Mutter, Maria, bei der Zeugung „jungfräulich“ blieb. Die religiöse Vorstellungskraft geht dann sogar noch soweit zu betonen, dass sogar diese „Jungfrau“ schon auf sexuell reine Art gezeugt und geboren wurde.
    Diese Mehrheit in den Kirchen löst den historischen Jesus, und seine Mutter, aus dem direkten Umfeld, d.h. dem Judentum des 1. Jhts u.Z. Der historische Jesus in-teressiert nicht. Die Umstände seiner Geburt ist nur die Folge einer heilsgeschicht-lichen Konstruktion in welchem dem biblischen Begriff „Israel“ und dem Judentum eine bedingte Rolle zugewiesen wird. Verkürzt gesagt, hätte Gott diesen „Heiland“ eigentlich auch in einem anderen religiösen Umfeld zeugen können. Die mythologische Vorstellung der „Jungfrauengeburt“ ist wohl eher in der ausserisraeli-tischen Kultur zu finden.
    In der Vorstellung eines „von Gott gezeugten Jesus“ vermischt sich jüdisches mit hellenistischem Gedankengut. Wohl dem Paulus, Kind der jüdischen Diaspora im von Hellenismus geprägten Taurus, ist diese Synthese zu zu schreiben. Er „entjudaisiert“ Jesus und macht ihn zu einem „von Gott gesandten Heiland“.
    Da wir weder Augenzeugenberichte, noch von Jesus Dokumente zur Verfügung haben, müssen wir uns begnügen mit dem was vorhanden ist. Das Vorhandene ist vielfältiger als was in der Bibel aufgenommen wurde. Das diese ausserbiblische Schriften noch vorhanden sind, verdanken wir der Tatsache, dass die religiöse Tradition diese Werke zwar nicht in die Bibel aufnahm, sondern zur „Erbauung“ las.
    Einiges aus diesen nicht-biblischen Quellen ist sogar in der Malerei und der traditionellen Vorstellungen eingeflossen: die Ausschmückung der Weihnachtskrippe ist nicht auf die Beschreibung der Geburt Jesu bei Lukas oder Mattheus zu finden. Die fromme Phantasie erlaubt sich Spielereien. Dieser Phantasie – die sicher auch genährt ist von der frommen Neugier nach dem was „hätte gewesen sein können“ – verdanken wir u.a. ein „Kindheitsevangelium“.
    Die Phantasie findet Antworte, wo das Wissen der Antwort schuldig bleibt. Reicht es, wenn auf eine Frage geantwortet wird mit dem Hinweis, dass es „ein Geheimnis“ sei, oder dass „man das einfach zu glauben hat“?
    Das Buch von Dan Brown ist Fiktion. Auf dem Hintergrund steht der uralte Wunsch eine Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen zu suchen und zu finden. Darauf weist auch der Begriff „Religion“. Welche Verbindung wird hergestellt? Soviel ich informiert bin, geht es erstens um eine Erklärung eines Kunstwerkes von Weltrang, zweitens um die Hypothese einer sexuellen Beziehung zwischen Jesus und Mirjam von Magdala, drittens das in dieser Beziehung gezeugtem Kind und die sich darauf abstützenden Dynastie der Merowinger und schliesslich um einen Geheimbund, der mit Namen genannt wird, die „Illuminati“.
    Fiktion als Spielerei ist durchaus erlaubt und hilfreich, es schadet nicht, wenn die Phantasie uns hilft zu anderen Einsichten zu kommen, vorausgesetzt sie sind keine Gefahr für das Leben anderer Menschen. In einer Kultur, wo ein gewisses Minimum an Wissen über die eigenen religiösen Wurzeln verschwindend klein ist, kann die Fiktion verwirren. Die Verwirrung hat auch dort ihre Chance wenn nur den phantasielosen, manchmal im wörtlichsten Sinne tödlichen, Buchstabenglauben akzeptiert wird.
    Der Begriff „Illuminati“ verweist auf die „Erleuchteten“ und wurde im 18. Jht für die Freimaurer benützt. Jede Frau und jeder Mann der „zum Glauben kommt“ oder „findet“, kann von einer „Illuminierung“, eine „Erleuchtung“ reden. Diese Erleuch-tung kann auch rein philosophisch sein. Sie kann sogar in der Ablehnung der religiö-sen Ansprüche gefunden werden. Wer zur Einsicht kommt, das seine bzw. ihre „Mut-terreligion“ nicht für ihn oder sie von fundamentaler Bedeutung für sein oder ihr Leben ist, kann sich von dieser Lebensüberzeugung abwenden und einer anderen zuwenden, bzw. sich der Festlegung einer philosophischen Grundhaltung verweigern. Weniger wird es möglich sein sich der ethischen Grundhaltung zu stellen. Es ist dem Einzelnen zu zu muten selber entscheiden zu dürfen wie viel „Licht“ er oder sie in seinem Leben zulässt.
    Der Wunsch der Verbindung des Irdischen mit dem Göttlichen findet sich oft in monarchischen Strukturen. Wer nachweisen kann, dass er oder sie mit dem Begründer einer Religion blutsverwandt ist, steht im höheren Ansehen. In den katholischen, orthodoxen und ihnen verwandten Kirchen finden wir dieses Element auch in der „apostolischen Sukzession“ oder in der Betonung des „Stuhls Petri“. Die Verwurzelung einer Dynastie in der Religion verfolgt politische und ideologische Ziele. Eine solche Dynastie kann sich mehr Gewicht zuschreiben als einer „normal sterbliche“. Sie kann auch zum Anspruch einer Verpflichtung führen die Religion zu Weltherrschaft zu führen.
    Das Weltherrschaft und die von Jesus verkündigte Idee oder Vorstellung des Gottesreiches sind nicht identisch. Das „Reich Gottes“ hat seine Wurzel in der von den israelitischen Propheten erlebte Enttäuschung und die daraus folgenden Kritik an das biblische Königreich Israel, bzw. die Königreiche Juda und Israel. Diese Kritik umfasst auch die damaligen Grossmächten, Ägypten, Assyrië, Babylonien, Persien und Syrien. Die ganze Verkündigung Jesu lässt sich in der „Hauptsumme der Tora“, die so genannte „goldene Regel“, zusammenfassen. Diese Regel verbindet das sich auf Jesus berufende Christentum mit nicht-christlichen Religionen.
    Spekulationen über die Herkunft der Gedanken Jesu sind keine Grenzen gesetzt. In der ideologischen Nähe von „Nächstenliebe“ und „Achtsamkeit“, wie wir es in zB Buddhismus wiederfinden, kann man behaupten, dass diese Idee aus dem buddhis-tischen Raum käme. Eine ähnliche Verbindung kann man behaupten von der rabbi-nischen Lehren die auch diese Nähe, bzw. Beeinflussung denkbar machen. Anstelle jede Verbindung zwischen Jesus und dieser Kulturen zu leugnen, könnten sie auch beitragen zu einer Auseinandersetzung mit der historischen Gestalt Jesu.
    Diese historische Gestalt Jesu ist Gegenstand der „Leben Jesu Forschung“. Gerade die liberale Theologie hat sich hier Verdienste gemacht. Wenn, zB im Glaubensbe-kenntnis betont wird, dass er „Mensch von Mensch“ war, leuchtet vielleicht ein, dass er auch die gleiche Bedürfnisse und Wünsche hatte, wie jeder andere. Es ist nicht, weil jemand im Nachhinein eine besondere, eine „heilige“ Bedeutung bekommt, dass alles „Menschliche“ von Hand zu weisen ist. Bei den Auseinandersetzungen über die historische Gestalt Jesu wird er oft als „Religionsstifter“ angesehen, was inhaltlich nicht stimmt, da er als Jude geboren wurde und als Jude gekreuzigt wurde und starb. Die Kirche begründet sich – durch die Deutung Jesu durch Paulus – auf einen Menschen, der nie „Christ“ war. Diesen Aspekt vermisse ich in vielen Auffassungen über das Leben Jesu. Es ist die Frage, ob die christlichen Religionsgemeinschaften inhaltlich viel verlieren würden, wenn betont wird, dass die Ursprünge des Christen-tums in einer jüdischen religiöse Sondergruppe des 1. Jhts u.Z. liegen.
    Erst die Vermischung dieser Gruppe mit Elementen der orientalischen „Erlösungsmy-sterienkulten“ entfremdete das Christentum von seinem jüdischen Ursprung. Mit der Aufnahme der nicht-jüdischen Elemente wurden auch anti-jüdische Grundmuster übernommen. Die Juden sind die „Nein-Sager“, sie lehnen die Göttlichkeit Jesu und die von seiner Anhängerschaft behauptete Messianität ab. Die christliche Antwort, Gewalt, kann kaum zur Entkräftung der jüdischen Vorbehalte beigesteuert haben. Eher das Gegenteil könnte der Fall sein: solange keine Beweise für die Behaup-tungen über Jesus vorliegen, kann das „Nein“ aufrecht erhalten bleiben.
    Der Titel des Buches, „Sakrileg“ ist provokant. Ein Sakrileg ist eine „Entheiligung“. Dabei geht es, insofern ich richtig informiert bin, um eine „Sakrilierung“, eine „Hei-ligung“ einer menschlichen Beziehung. Entheiligung vielleicht insofern, dass die heile Männerrunde, die angeblich bei der Sederfeier vor der Verhaftung und Kreuzigung Jesu mit ihm feierte, aufgebrochen wird zu Gunsten einer Öffnung dieser Runde und nicht historisch nachweisbare, sondern eher vermutbare, Präsenz und Teilnahme von Frauen. Gerade die Betonung des Menschlichen kann Jesus sympathischer machen. In dem Sinne erweist das Buch – samt seinen fiktiven Inhalt – doch noch einen Dienst: es lädt ein sich Gedanken zu machen über die historische Gestalt Jesu.
    Alle Spekulationen über die historischen Hintergründe Jesu können hilfreich sein den Inhalt der Verkündigung Jesu hervor zu heben. Schon ist, im Laufe der Geschichte, gefragt worden nach den Hintergründen des Verrats. Bis zur Eifersucht und ent-täuschten Liebe gehen dabei die Spekulationen, wobei auch direkt oder indirekt eine homo-erotische Beziehung zwischen Jesus und den „Jünger den er liebte“, also die laut Dan Brown bei Da Vinci dargestellten Maria von Magdala. Eine vor einigen Jahren in der Zürcher Offenen Kirche St. Jakob, dem Gemälde von Da Vinci nachem-pfundenen, Darstellung des Abendmahls Jesu inmitten von Lesben und Tunten rief sogar Bildschänder auf den Plan. Die Spekulationen halten sich an Äusserlichkeiten. Diese sind für das Gesamtbild eher von bedingter Bedeutung.
    Auch die Glaubensverkündigung lässt den Äusserlichkeiten zuviel Gewicht zukom-men. Eine Auferstehung muss im 21. Jhts nicht so geglaubt werden wie zu der Zeit wo sie beschrieben wurde für eine, in der Mythologie der hellenistischen Götterwelt sich zurechtfindenden Leserschaft. Das gleiche gilt für alles was zum Inhalt des Glaubens passt, wie die Geburt und die Wunder.
    Somit erfüllt Dan Brown etwas wovon Theologen vielleicht nur träumen: dass das kirchennahe und –ferne Publikum sich mit dem historischen Jesus auseinandersetzt. Wie schon vorher geschrieben, die historische Spekulationen – denn Fakten fehlen grösstenteils – sind nur bedingt interessant. Für das religiöse Leben ist der Inhalt der überlieferten Verkündigung von Bedeutung.
    In der liberalen Ausprägung des Christentums wirft das Buch von Dan Brown wohl keine grossen Wellen. Da hier Jesus als Mensch gesehen wird, wird somit alles Menschliche nicht nur nicht geleugnet, sondern denkbar. Eines der Elemente des Buches ist auch eine „Verschwörungstheorie“. Es sei mir, zum Schluss, erlaubt eine solche auf zu stellen: die Publizität, welche das Buch durch die christliche Abwehr bekommt, ist gratis Werbung. Persönlich wurde ich meistens enttäuscht wenn ich Filme anschaue oder Bücher kaufe von dem es heisst, dass sie „ein Hit“ sind. Vielleicht lese ich das Buch auch einmal, wenn es nicht mehr so in aller Welt Munde ist, bis dahin genügt mir meine, im Bibelleseplan vorgesehene, wöchentliche Lesung aus dem Evangelium und die Vorstellung, die ich mir von dem Gelesenen mache.

  2. … ich denke Dan Brown hat zwei Bücher geschrieben auf die obenstehender Kommentar Bezug nimmt:

    – Illuminati (Angels and Demonds) und das im blog erwähnte Sakrileg (The Da vinci Code)

    Digital Fortress zu deutsch „Diabolus“ war das erste Buch von Dan Brown und daneben ist noch Meteor (Deception Point) erschienen.

    Für Leseraten ist dies vermutlich kein Problem, alle vier Bücher bis zum Frühjahr 2007 zu lesen – dann erscheint vermutlich das neue «The Salomon Key» …

    sml

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