140-jährige Geschichte – Gratisdownload der Essays des prix libref. 2011


„Kann das Recht Religion vor liberalem Horizont beschränken?“ lautete die Vorgabe des prix libref. 2011. Es entstand eine Publikation mit der Geschichte von libref. und drei Essays die sie kostenlos downloaden können

Preisträger ist Benedict Vischer. Wir gratulieren ihm herzlich. Seine Arbeit wollen wir ihnenn nicht vorenthalten. Flankierend werden noch zwei weitere Beiträge veröffentlicht, gewissermaßen „außer Konkurrenz“: Die Beiträge von Marcel Stüssi und Jean-Claude Cantieni.

Zum Download von „Kann das Recht Religion vor liberalem Horizont beschränken?“

Benedict Vischer
Benedict Vischer bei der Preisübergabe auf Schloss Reichenau

Geleitwort – die 140-jährige Geschichte von libref.

Der Schweizerische Verein für freies Christentum, im Medienzeitalter auf ‚libref.’ gepolt, existiert gestützt auf eine Konferenz in Olten von 1869 seit der damals beschlossenen Gründung von 1871, die in Biel erfolgte. Sie ist Dachorganisation zu den noch mehreren regionalen und kantonalen und lokalen Sektionen liberal gesinnter religiöser Kreise. Sein Gedankengut bezieht libref. vom jeweiligen Stand der liberalen Theologie her, die davon geprägt ist, dass in die Aufgabe und Würde jedes Einzelnen fällt, Gott zu suchen und zu finden und sein Leben auf Erden als Werkzeug Gottes danach zu gestalten.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich das technologische Zeitalter einerseits und ein interkonfessioneller Kulturkampf riss anderseits Wunden auf, welche der Sonderbunds- als Sezessionskrieg der Innerschweiz geschlagen hatte. Die Verfassung von 1848 wurde damals manu militari durch die protestantischen Sieger dekretiert. – Worin anders, denn in einer Verfassungs-revison, konnten rechtmässige Zustände geschaffen werden, um zur Toleranz zu finden, die seit dem Dreissigjährigen Kriege des 17. Jahrhunderts so of geschmäht war? Das Freie Christentum Schweiz organisierte sich so als Lobby erfolgreich für Toleranzartikel in der Verfassung, so die Glaubensfreiheit, die zivile Ehe, und es setzte sich mit sozialen Fragen des Industriezeitalters auseinander, mahnte eine zentrale Aufsicht übers kantonale Erziehungswesen an. Rund 500 Mitglieder werden heute noch zu Hauptversammlungen eingeladen, ein letzt verbliebenes so genanntes „religiöses Milieu“ des Landes.

Der Verein versammelte ursprünglich gar Tausende Mitglieder zu „Reform-tagen“, daran auch Gäste verwandter Gruppen aus dem Ausland, Deutschland, England teilnahmen. Die Ära der Wochenende-Kolloquien folgte. Wissenschaftli-che und diakonische Engagements begleiteten die Vereinstätigkeit. Zentrales Publikationsorgan war bis vor Kurzem das „Schweizerische Reformierte Volksblatt“. In den Monatsschriften ist das freie Christentum seither in dem in Frankreich erscheinenden „Evangile & liberté“ präsent. Auf einem Blog informiert der Verein zur Zeit zu aktuellen religiösen Fragen, berichtet zu seinen Engagements und regt zum Diskurs darüber an.

Auch wenn sich die alten Fronten zwischen dem kirchlichen und dem freien Protestantismus aufgelöst haben und manche überkommenen Kontroversen heute nurmehr schwer verständlich sind, haben die aktuellen Entwicklungen im Bereich von Religion und Politik gezeigt, dass das Gedankengut des liberalen Protestantismus keineswegs überholt ist, sondern nach wie vor aktuell und wegweisend sein kann. Denn die Fragen der Versöhnung von Religion und Moderne, von Menschenwürde und Menschenrechten, des Respekts vor dem Einzelnen stellen sich im Bereich der Religionen heute mit grossem Nachdruck. Dabei sind diese Themen aber nicht mehr nur im Fokus der alten Mehrheitsreligion des Protestantismus zu behandeln, sondern in ökumenischer und vor allem auch in interreligiöser Offenheit. Um dieses Gedankengut wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken und auch weiterzuentwickeln, wurde 2008 der prix libref. Ins Leben gerufen, der wechselnd für besonderes Engagement und für wissenschaftlich-publizistische Leistungen auf dem Gebiet des liberalen Christentums vergeben wird. Erste Preisträgerin war 2008 an Frau Dr. Gret Haller, die für ihr Engagement zugunsten der Menschenrechte geehrt wurde, zumal damals als Hochkommissarin für Menschenrechte auf dem Balkan. 2011 wird ein prix libref. vergeben für ein Essay zum Thema: Kann das Recht die Religion vor liberalem Horizont beschränken. Preisträger ist Benedict Vischer, dessen Essay hier auch als erstes abgedruckt ist. Flankierend werden noch zwei weitere Beiträge veröffentlicht, gewissermaßen „außer Konkurrenz“: Die Beiträge von Marcel Stüssi und Jean-Claude Cantieni.

Der Verein hat sich liberal Denkenden Schweizern und Nichtschweizern von auch ausserhalb der Reformierten Kirche geöffnet, als deren liberaler Flügel sich der Verein nach seinem Selbstverständnisse und formell als Mitglied der Landeskirche versteht.

Reichenau, Eidgenössischer Dank-, Buss- & Bettag, 18. September 2011

Jean-Claude Cantieni für den Vorstand von libref.

Kapelle Schloss Reichenau

In der Kapelle auf Schloss Reichenau hörten wir die Predigt von Prof. Dr. Reiner Anselm:

Liebe Freunde,

der eidgenössische Buß- und Bettag, das Schloss Reichenau und die Generalversammlung von libref – wie passen diese drei Dinge zusammen? Auf den ersten Blick scheint es ja eher zufällig, dass wir uns nun gerade hier und an diesem Ort versammelt haben: Nach der Sommerpause, in einem Ort, der schön ist und noch dazu in der Nähe von Chur liegt, das eine aktive Gruppe von freien Protestanten kennt.

Wenn man aber einen Augenblick lang darüber nachdenkt, dann gibt es durchaus ein verbindendes Band zwischen diesen drei Elementen unseres heutigen Zusammenseins gibt: Das Innehalten und Nachdenken über den eigenen Kurs.

Innehalten und Nachdenken über den eigenen Kurs – das ist ja zunächst der Grundsinn, den wir als Protestanten mit Buße und Gebet verbinden. Beten kann ja nicht bedeuten, in einem magischen Sinne Gott zu beeinflussen. Wer wären wir denn als Menschen, wenn wir mit unserer kleinen Perspektive, mit unserem beschränkten wissen Gott zu etwas bewegen wollten? Beten bedeutet, sich selbst auszurichten auf die Botschaft des Evangeliums – und das ist nichts anderes, als einmal innezuhalten und sich über den eigenen Kurs wieder klar zu werden. Ganz ähnlich ist es bei der Buße. Auch hier können wir nicht mehr davon ausgehen, dass unsere Rituale in irgendeiner Weise Gott beeindrucken oder besänftigen können. Nein, für Christen gilt ganz grundsätzlich: Christus hat für uns alles vollbracht hat. Buße bedeutet aber wie schon das Beten, sich immer wieder neu darauf auszurichten, was das Evangelium von uns fordert. Dazu gehört auch das Eingeständnis, dass sich für uns immer wieder andere Dinge in den Vordergrund drängen, an denen wir meinen, uns orientieren zu können. Viel zu oft sind wir fest davon überzeugt, dass wir im Besitz der Wahrheit sind, dass wir wissen, wie’s geht. Viel zu oft wollen wir auch unsere Meinung anderen aufdrängen, gerade im Bereich der Politik, aber auch im Kleinen, in der Familie und im Alltag.

Innehalten und über den Kurs nachdenken, dafür steht auch unserer Versammlungsort. Schloss Reichenau, gelegen an der Stelle, an dem bei einer Alpenüberquerung der eigentliche Weg über die Alpen beginnt oder endet, verbindet sich mit zahlreichen Fragen nach dem rechten Kurs, verbindet sich auch mit dem Innehalten nach und vor einer besonderen Herausforderungen. Und als ein Ort, an dem die Erinnerungen aus vielen, vielen Jahrzehnten präsent sind, regt er auch uns in besonderer Weise an zum Nachdenken. Zum Nachdenken über unsere eigene Zeit, über unsere Herkunft und auch unser Ziel. Und er macht auf eine hilfreiche Art und Weise deutlich, wie sehr unsere eigenen Überzeugungen zeitgebunden, relativ sind und eben keine Absolutheit beanspruchen können. Überhaupt sind es ja die Erinnerungsorte, die nicht nur wach halten, was war und was uns prägt, sondern die auch die Begrenztheit jeder Zeit vor Augen führen. Erinnern, Gebet und Buße gehören darum eng zusammen.

Schließlich eine Generalversammlung. Ob es hier eine ganz einfache und ganz enge Verbindung gibt, die nämlich, dass der Vorstand angehalten ist, nach dem letzten Mandat von drei Jahren öffentlich Buße über seine Versäumnisse abzulegen, das überlasse ich Ihnen und vor allem der Versammlung heute Nachmittag. Aber das Nachdenken über den rechten Kurs, das Innehalten und sich neu orientieren, das gehört auf jeden Fall zu den wichtigen Funktionen einer solchen Versammlung.

Nachdenken über den Kurs, vergewissern der eigenen Wurzeln und der eigenen Ziele, das ist es also, das in meinen Augen den Tag, den Ort und unseren Anlass miteinander verbindet.

Nachdenken über den Kurs, suchen nach der Orientierung: Wer sich einmal im Nebel im Hochgebirge verlaufen hat, vielleicht noch auf einem Gletscher, der weiß, wie schwierig es ist, ohne äußere Anhaltspunkte, ohne Wegmarken und ohne Kompass die richtige Richtung wieder zu finden. Umso wichtiger ist es, dass wir uns immer wieder daran erinnern können, dass wir als Christinnen und Christen eine klare Orientierungsmarke haben: Die christliche Freiheit, die Freiheit, die untrennbar verbunden ist mit dem Leben und Wirken Jesu Christi.

Freiheit hat in unserer Zeit ja häufig nicht den besten Leumund. Freiheit steht häufig für ungezügeltes Handeln, für das Verfolgen eigener Interessen, zum Teil auch für Rücksichtslosigkeit – gerade im Bereich der Wirtschaft. Den Verfechtern der Freiheit unterstellt man nur zu leicht, sie würden sich nur nicht einschränken lassen wollen und sich aus der Verantwortung stehlen. Überall in Europa ist der Liberalismus daher in die Defensive geraten, zum Teil auch nicht zu unrecht, weil das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung, aber auch das Verhältnis von eigener Freiheit und der Freiheit der anderen, von Freiheit und Gemeinschaft nicht beachtet wurde. Freiheit und Gemeinschaft, Freiheit und Verantwortung sind nicht voneinander zu trennen.

Um sich daran zu erinnern, kann es helfen, sich immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass nach evangelischer Auffassung Freiheit nichts ist, das wir einfach so haben, das wir als unseren Besitz verstehen können. Christliche Freiheit ist immer geschenkte Freiheit. Und Freiheit als geschenkte Freiheit zu verstehen bedeutet, dass wir uns selbst nicht bloß als Einzelne oder als Individualisten wahrnehmen, sondern wissen, dass wir als Kinder der Freiheit mit anderen verbunden sind. Seine Freiheit zu gebrauchen ist daher immer verbunden mit der Erinnerung daran, dass es jemanden gibt, dem wir diese Freiheit verdanken. Und so wie wir die Freiheit als Geschenk bekommen haben, so sollen wir uns auch darum bemühen, sie anderen zu schenken. Dies allein schützt davor, sich einfach in den Mittelpunkt zu rücken und die Mitmenschen um uns herum zu vergessen.

Freiheit kann aber auch bedrückend sein. Wer frei ist, muss entscheiden, muss Verantwortung übernehmen. Wie süß klingen da doch immer wieder die Schalmeientöne, man müsse sich doch nur der Lehre, der Partei, der Gruppe anvertrauen und ihre Weisungen befolgen, dann könne man alle Unsicherheit über den eigenen Kurs vergessen. Freiheit, das spüren wir selbst und nehmen es uns in der Welt um uns herum auch immer stärker wahr, kann auch verunsichern, kann überfordern. Die Sehnsucht nach Gewissheit und nach Orientierung, die Sehnsucht aber auch nach Entlastung, dass ich nicht selbst alles entscheiden muss, ist daher oft der größte Feind der Freiheit. Darum gehören in meinen Augen zwei Dinge immer zusammen: Der Zuspruch der Freiheit und die Gewissheit, dass es etwas gibt, dass uns an der Verantwortung, die die Freiheit mit sich bringt, nicht zerbrechen lässt. Genau das war es, was die Reformatoren mit der Rechtfertigung allein aus Glauben zum Ausdruck bringen wollten. Genau das ist es aber auch, was Paulus meint, wenn er im 2. Korintherbrief schreibt: Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

Amen.

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Prof. Dr. Reiner Anselm
Lehrstuhl für Ethik – Theologische Fakultät
Georg-August-Universität Göttingen
Platz der Göttinger Sieben 2
D- 37073 Göttingen
Tel. +49 551 39 4968
mobil +49 179 5320 599
www.ethik.uni-goettingen.de

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© libref – Zusammenstellung und Foto: Stephan MartiFinanzblog

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