Fragwürdige Erbsünde


Auf den Artikel «Fragwürdige Erbsünde» des SG-Kirchenboten folgt ein Einspruch.

Es gibt Blogleser, die erstellen einen Kommentar und dann gibt es Leser, die nehmen sich gleich die Mühe einen Brief zu schreiben und umfangreiches Begleit-Material bei mit zu liefern.

Die «fragwürdige Erbsünde» ist in der April-Ausgabe des «Kirchenbote» der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St. Gallen erschienen:

«Zum Thema «Sünde» ein Witz: Als der Mann von der Kirche heimkommt, fragt seine Frau, was der Pfarrer gepredigt hat. «Er hat über die Sünde gepredigt!» Die Frau fragt nach, was er zur Sünde gesagt hat. «Er ist auch dagegen», so die Antwort des Mannes.

Die Anekdote widerspiegelt ein verbreitetes Sündenverständnis. Sünde ist das Überschreiten von Moralvorschriften, über welche die Kirche wacht. …
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(hier als Word Datei)

Einspruch aus liberal-protestantischer Sicht von Pfarrer Rudy Van Kerckhove-Juon, Gossau:

«Es hat mich gefreut, dass die Problematik der Erbsünde in der letzten Ausgabe vom Kirchenboten thematisiert wurde. Als liberaler Protestant fühlte ich mich besonders angesprochen von Carl Boetschis Annäherungen zum Begriff „Sünde“. Dem Artikel kann man entnehmen, dass der Begriff „Sünde“ immer mit Beziehung, bzw. Beziehungslosigkeit verbunden werden kann: zu sich, zu anderen, zu Gott. Diese Aufforderung sich mit den einzelnen Facetten der Sünde auseinanderzusetzen, vermisse ich in den Artikeln der anderen Autoren.

Ich finde es irritierend, dass Andreas Schwendener das Judentum und den Islam im „Editorial“ als „Gesetzesreligionen“ bezeichnet. In beiden Religionen wird die eigene Verantwortung, wie übrigens auch im liberalen Protestantismus, betont.

Im Artikel von Prof. Dr. Heinz-Dieter Neef vermisse ich Hinweise auf die Verbindung zwischen dem „Urmythos“ und der altorientalischen Mythologie. Warum werden dem Leser Informationen aus der biblischen Wissenschaft vorenthalten? Dass in der „Erbsünde“ auch einiges an Nichtbiblischem steckt, wird verschwiegen. Wäre es nicht an der Zeit, dass wir Theologen den Menschen auch in Glaubensfragen als selbstständig denkenden ernst nehmen? Die Theologie der Vergangenheit ist vergangen. In Genesis 3 ist weder von „Sünde“ noch von einem „Sündenfall“ die Rede. Es ist ein Schritt in die Emanzipation, ein Begriff, der in den Kirchen nicht sehr geschätzt zu sein scheint. Durch die Tat der Eva ergreift die Menschheit das „Erkennen“, was zum „Wissen“ führt. Der Urmythos teilt die Menschheit nicht in „Rassen“ auf, kennt keine Hinweise auf Unterschiede, denn alle sind gleich, weil alle Menschen gleich sind. Es fehlen übrigens auch Hinweise auf Religionsunterschiede!

Nun noch einige Bemerkungen zum Artikel von VDM Karin Scheiber. Die Erwähnung der Forschungsergebnisse der Genanalyse kann uns in diesem Bereich nicht weiterführen, da es sich um eine Ideologie oder Glaubensauffassung handelt und nicht um ein medizinisches Phänomen. Auch hier scheinen Paulus und Augustin sakrosankt zu sein. Die Sünde auf das „begehren“ allein zurück zu führen, scheint mir ein Trugschluss zu sein. Die „Frucht“ im Paradiesgarten war das „Wissen“. Was spricht dagegen „Wissen“ zu begehren? „Wissen“ kann zum Verstehen beitragen und wer versteht, kann wiederum nach Lösungen suchen.

Zum Beispiel wie wir uns von der Lehre der Erbsünde verabschieden können. Dazu braucht es keinen Scheiterhaufen, sondern nur einen schönen, schweren Grabstein: „Hier ruhen die Dogmen“. Mit Entsetzen lese ich im gleichen Artikel, dass „kein Mensch jemals ohne Sünde hat sein können“. Bin ich im falschen Film, in der falschen Kirche oder gar im falschen Glauben? Die Kinder, die ich taufe, sind für mich schuld- und sündenfrei. Worin bestünde ihre Schuld? Doch nicht in der Zeugung oder in der Geburt? Sündenfrei sind wir sowohl bei der Geburt als auch nach dem Tod. Die Verstorbenen haben ihr Leben hinter sich. Für ihre Fehler können wir sie nicht mehr zur Verantwortung ziehen ebenso wenig sind ihre Fehler auf uns übertragbar, denn mit dem Tode sind sie erlöscht. Gerade zu beängstigend finde ich im vorletzten Abschnitt „Pessimistisch?“ die Gegenüberstellung von „Sünde“ und „Glaube“. „Die“ Theologie kann es doch nicht mehr geben in einer Kirche, die von sich behauptet „menschennah“ zu sein. Es gibt mehrere Theologien. Wenn es eine Wiederherstellung der Beziehung zwischen Gott und Mensch braucht, dann hängt dies nicht nur von Gottes Beitrag allein ab. Menschen können viel zur Lösung der Beziehungslosigkeit, zu Gott oder anderen, beitragen.

Als liberaler Protestant vertraue ich dabei auf die göttliche Kraft und die Inspiration des Geistes, der frei macht.»

Wir danken Pfarrer Rudy Van Kerckhove-Juon, Gossau, dass er uns diesen Beitrag ermöglicht hat.

Zusammenstellung: Stephan Marti-Landolt – finanzblog

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