Wieso Bivio?


Bivio und der öffentliche Diskurs zur Förderung städtischer Agglomerationen

«Der nunmehr begonnene Nachsommer lädt ein, zurück zu lehnen, ein Buch zu lesen. Nach Stifters gleichnamigem Roman ist der Nachsommer die Zeit, in welcher die Vögel ihre Brut aufgezogen haben, sie ist flügge geworden, Zeit für das Vogelelternpaar auszuspannen, Zeit, ein dickes Buch zu lesen, gar ein dreibündiges, «die Sphären I – III von Peter Sloterdijk» und dazu an die Synode unserer freien Protestanten in Bivio vorausgedacht.

Sphären sind etwa durch ‚Avenir Suisse’ promovierte Agglomerationen, Raumvielheiten, die sich an Mengen – um nicht Masse zu sagen – wenden. Sie beherbergen Kleinfamilien und Singles. Sie siedeln auch deren Arbeitswelt an. Das diese drei Sphären verbindende Moment sind Transportsysteme und ‚Kommunikation’. Agglomeration heisst Fort-bewegung, fort aus der Raumvielheit Stadt, als ob die Menschen sich eines ‚Multum, non multa’ des Römers Plinius erinnerten: Viel, intensiv, nicht beliebig-vielerlei. Libref. hofft so, Städter für die Synode in Bivio zu gewinnen zu können, denn schon die Höhe über Meer des Ortes, die Alpregion, verhält zur Konzentration, zum viel, statt zum Vielerlei. Die Vegetationszeit ist kürzer. Die Schneedecke höher. Die menschlichen Verhältnisse beginnen sich einander anzuverwandeln, je mehr die Natur, die je wiederkehrt, das Sagen zurück gewinnt. Die Häuser werden niedriger, schmiegen sich ans Gelände auf hohem Grund an, während die Städter in Hochhäusern, Türmen, zu leben gezwungen sind, um den Boden, geschichtet, ein zweites, drittes, fünfundzwanzigstes Mal, in der Luft, durch ‚Neobabylonier’ zu besiedeln, die klimatisiert, illuminiert und atmosphäriert wohnen.

In Bivio war der Transport als Fortbewegung nie das, was es als Agglomeration zusammenhielt. Freilich lebte das Dorf vom Transit, doch das Leben gestaltete ihn, und nicht gestaltete er das Leben. Transportiert wurde in den Saisons, wenn die Pferde als Zugtiere im Stall standen, statt für die Landwirtschaft gebraucht waren. Produkte wurden verhandelt, welche auf den (schmalen) Strassen zu transportieren waren, und nicht verbreiterte man Strasse zulasten Kulturland, damit immer voluminösere Ware verschoben werden konnte. Nicht der Ort schaffte Raum, sondern er verstand sich als Nachbarschaft als der Zusammenhang von Zugangsmöglichkeiten, viel mehr als eine Agglomeration zu bieten hat. Dasein, in Zeit & Raum, bringt die Sphäre möglicher weiterer Nachbarschaft mit sich. Es ist stets schon Nachbar zu.. zum Nächsten, auch wenn er im Oberengadin oder im Bergell war. Ein Paradies war Bivio damit keineswegs geworden, doch seine Menschen wurden zu Genies von Nachbarschaft. Eine ältere aus dem Süden nach Bivio eingeheiratete Frau konnte so erklären, sie sei gerne in Bivio, ihr begegne kein Neid, der Nachbarschaft sonst auffrisst. Die Menschen Bivios wurden für einander erreichbar, und sie blieben einander doch transzendent, fremde Nahe, nahe Fremde. Bivio drangsaliert denn auch bis heute kein Querulant , wie er sich in so vielen Dörfern sonst findet. Positiv ausgedrückt. Die Chance von Toleranz und damit die Chance zu einem ‚Fortkommen’, das keine Fort-Bewegung im Sinne der Städter ist, ist in Bivio intakt. Das ist der (ganze) Charme Bivios in einer Tundra des bündnerischen Passstaates, dass Nachbarschaft, christliches Urgestein, passiert.»

Jean-Claude Cantieni, Chur

jcc in Bivio

JCC in Bivio …

Blume auf Dorfwiese

… und andere mitten im Dorf.

Zusammenstellung und Fotos: Stephan Marti-LandoltFinanzblog

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